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Die "Russengräber" auf dem alten Friedhof 

Der letzte Weg ist immer der zum Friedhof, den jeder Mensch mal zu gehen hat, um dann im Grab die ewige Ruhe zu finden. Dann steht auf dem Grab ein Gedenkstein mit einer Inschrift darauf, damit den Lebenden wenigstens eine Erinnerung an den Toten bleibt. Doch nichts währt ewig, denn so, wie die sterblichen Überreste zu Asche oder Staub werden, so zerfällt auch jedes Grab, verblaßt jede Inschrift und am Ende auch jede Erinnerung. Dann erinnert nichts mehr daran, wer oder was der Tote mal gewesen war. Und irgendwann wird der Tote ganz vergessen, wenn Angehörige, Freunde und Bekannte nicht mehr leben und vom Grab selbst auch nichts mehr übriggeblieben ist.

So oder ähnlich sind wohl die Gedanken derer, die auf einem Friedhof an mehr oder weniger gepflegten Gräbern vorübergehen.

Wer auf den Naunhofer Alten Friedhof den Hauptweg bis zum Friedhofsende geht, kommt sicherlich auch an jenen 15 Gräbern vorbei, auf deren Grabsteinen Inschriften in kyrillischen Buchstaben zu lesen sind - den "Russengräbern".

Wer waren diese Toten? Was weiß man von ihnen und ihrem wohl traurigen Schicksal? Erinnert sich jemand überhaupt noch an sie, gedenkt ihrer und pflegt diese Gräber?

Die Mehrzahl der Ortsbewohner kannte wohl nur das, was auf den Grabsteinen geschrieben stand, vorausgesetzt man konnte es lesen. Zu lesen war ein fremd klingender Vor- und Nachname; zwei Jahreszahlen, die vom Geburts- und Sterbejahr und dazu noch eine Ortsangabe, von der niemand wusste, ob es sich dabei um den Geburts- oder letzten Wohnort handelte. Das war eigentlich schon alles, was Vorübergehende über die Toten erfahren konnten.

Bei den städtischen und kirchlichen Behörden wusste man natürlich schon etwas mehr über diese Toten. Auch wenn man sich nur auf die wesentlichsten Daten beschränkte, so hätten diese ausgereicht, um eventuell Angehörige der Toten ausfindig zu machen. Beispiele, die Tote von den Friedhöfen Naunhof und Brandis betreffen, belegen das. Standesamtliche Eintragungen bezogen sich auf Vor- und Nachnamen, Geburts- und Sterbedaten, die Todesursache sowie die Nationalität. Kirchliche Eintragungen bezogen sich mehr auf den Sterbeort und die Sterbezeit, dazu kurze Vermerke zur Beerdigung, eventuell auch zum Ehestand und Beruf.

Es fand sich eine Totenliste vom 25. Juni 1945 über Ausländer, die seit dem 10. Mai 1940 im Standesamtsbezirk Naunhof verstorben waren. Dabei handelte es sich um:

17 Russen (13 Kriegsgefangene u. 4 Ostarbeiter), 4 Polen (darunter ein Kleinkind - nur 6 Monate alt), 1 Tscheche (21 Jahre alt, der sich nur 4 Wochen nach dem Geburtstag im "Jagen 28" erhängte), 
1 ungarisches Kind (8 Monate alt - in Budapest geboren, hier gestorben), 2 belgische Kinder (beide um die 7 Wochen alt - in Leipzig geboren, hier gestorben; das eine an Verdauungsstörungen, das andere hatte Schädel- und Fingermißbildungen), 5 Engländer (Besatzung einer viermotorigen "Lancaster", die am 25.03.1944 abgeschossen wurde - und die Leichen ... soll kein schöner Anblick gewesen sein, halt das, was nach einem Absturz so übriggeblieben ist).

Die Toten wurden in die Leichenhalle auf dem Alten Friedhof gebracht und gesehen hat sie dort der Arzt vom damaligen Kgf.-Krankenrevier, ein französischer Offizier. Begraben wurden die Engländer in der Nähe der Russengräber. Die Leichen wurden etwa 1946/47 exhumiert. Registriert waren auf dieser Totenliste auch noch 2 franz. Kriegsgefangene, die beide von einem Militärpfarrer aus dem Oflag Colditz begraben wurden; und einer von ihnen sogar in "militärischen Ehren", d.h. eine Abordnung deutscher Soldaten legte einen Kranz nieder und ehrte den Toten mit Salutschüssen. Auf alten Fotos kann man das sehen. Auch diese zwei Toten wurden exhumiert.

Wie aber hat man die Russen begraben? Sie wurden von den eigenen (noch gehfähigen) Kameraden des Krankenreviers auf den Friedhof gebracht und "in der Stille, ohne jede Feierlichkeit" oder "in völliger Stille, ohne irgendwelche Begleitung" der Erde übergeben. Von 3 der 4 Ostarbeiter ist folgendes bekannt: Zwei Ostarbeiter sind durch Alkoholvergiftung ums Leben gekommen; begraben wurden sie von einem ev.-luth. Pfarrer, der auf Bitte des Lagerleiters eine kurze Ansprache hielt und ein kurzes Gebet gesprochen hat. Ein weiterer Ostarbeiter endete durch Selbstmord - Tod durch Erhängen. Und wie damals üblich, bekam ein Selbstmörder kein Grab auf dem Friedhof - die Grabstelle ist unbekannt. Beim "Tschechen" hat man da wohl eine Ausnahme gemacht; von diesem Toten gibt es zwar einen Grabstein, aber die sterblichen Überreste können sich in der bezeichneten Grabstelle nicht befinden.

Im Gegensatz dazu ist eine "Ostarbeiterin" mit feierlichem Zeremoniell begraben worden, genau so, wie 1942 eine Adlige begraben wurde, Alexandra von KRUSENSTJERNA, eine geborene Prinzessin Barclay de Tolly Weymarn. Erklären läßt sich dieser Vorgang vielleicht damit, daß sie zum einen weiblichen Geschlechts und zum anderen ein sehr junges Mädchen war - "etwa 17 Jahre alt". Ihr Grab befindet sich außerhalb der Gräberanlage.

Was "umgekommene Sowjetbürger", begraben auf DDR-Friedhöfen, ganz allgemein betrifft, so ist es schon verwunderlich, dass trotz 40jähriger "brüderlicher Freundschaft" weder DDR-Behörden noch sowjetische Militärkommandanturen nach Angehörigen der hier begrabenen "Sowjetbürger" gesucht haben. Wie zwei Dokumente der Grimmaer Militärkommandantur von 1946 und 1949 zeigen, beruhen die russischen Totenlisten der dem Alten Freidhof in Naunhof begrabenen Sowjetbürger auf Angaben der bereits erwähnten deutschen Totenliste vom 25. Juni 1945. Noch 1986 war unbekannt, wo die hier begrabenen russischen Kriegsgefangenen eigentlich

gearbeitet haben. Bekannt war lediglich, daß sie im Krankenrevier in der "König-Albert-

Straße" (heute August-Bebel-Str.) verstorben waren. Von drei anderen "Russen", die später neben den schon vorhandenen Russengräbern begraben wurden, wußte man nur, daß sie "von auswärts" auf den Alten Friedhof gebracht wurden. 
Was inzwischen über die Gräberanlage und die dort begrabenen ehemaligen Sowjetbürger in Erfahrung gebracht werden konnte, geht auf das Jahr 1967 zurück, als Mitglieder des Internationalen Klubs der Freundschaft an der damaligen POS Naunhof, zusammen mit einem Russischlehrer, der Nachforschungen nach dem Schicksal der russischen Kriegsgefangenen begonnen haben, die auf den Friedhöfen in Naunhof und Brandis begraben wurden. Vom Russischlehrer wurden die Nachforschungen später noch über Jahrzehnte weitergeführt.

Zur Gräberanlage ist folgendes bekannt:

Die vordere Gräberreihe, wie sie heute zu sehen ist (nicht die Doppelgräber), ist noch die ursprüngliche Form der 1941/42 angelegten Gräber. Bei der dahinter liegenden Gräberreihe, die in dieser Form erst später angelegt wurde, gibt es Unregelmäßigkeiten. Was beispielsweise die zwei Ostarbeiter betrifft (Alkoholvergiftung), so befanden sich ihre Gräber, laut amtlichen Angaben zur Grabstelle in Abt. VIII, Reihe 17. Die davor liegenden Gräber, 9 insgesamt, sind demnach Abt.VIII. Reihe 18 , dort stehen jetzt ihre Gräber, was auf später gesetzte Grabsteinfundamente hindeuten könnte.
D
er eine Ostarbeiter starb am 03.01.45 um 21.10 Uhr, der andere am nächsten Morgen um 8.15 Uhr. Beide wurden am 07.01. begraben, aber jeder in einem Einzelgrab. Und, wie aus einer zufällig bemerkten Eintragung zu ersehen ist, hat eine Frau S.S. (Familienname eines Verstorbenen) am 09.01.45 55 Mark für die Pflege beider Gräber eingezahlt. Ihre Adresse wurde mit Zella-Mehlis, G.Lager (Bauernhäuser) angegeben. Der Verwandtschaftsgrad ist nicht bekannt, sie muss aber die Gräber aufgesucht haben.
Was die zweite Gräberreihe betrifft, so wie sie heute zu sehen ist, gibt es diese Überlegungen: Bekannt ist ein Befehl der damaligen SMA (Sowjetische Militäradministration), wonach Einzelgräber von Sowjetmenschen, auf eine "gemeinsame Gräberanlage" verlegt werden sollten. In diesem Zusammenhang sind wohl die weiteren 4 Gräber zu sehen, die zu den zwei Einzelgräbern der "Alkoholvergifteten" dazukamen. Was dabei auffällt, ist der Umstand, dass darunter die drei Gräber "von auswärts" sein mussten. Was aber war mit dem 6. Grab?

Die einzige Erklärung wäre, dass es nur ein "symbolisches Grab" gewesen ist, womit man auch jenes Ostarbeiters gedenken wollte, der sich erhängt hatte, dessen Grabstelle aber amtlich als "unbekannt" ausgewiesen ist. Und ursprünglich muss auch dort der Grabstein gestanden haben, der jetzt in der vorderen Gräberreihe zu sehen ist. Einige Umstände deuten darauf hin, daß die Umgestaltungsarbeiten des damaligen Gräberfeldes wohl bis zum 23. Februar 46, zum Tag der Roten Armee, beendet sein sollten. Und so könnten die Grabsteine eventuell nur provisorisch aufgestellt worden sein; die Fundamente dafür wurden erst zu einem späteren Zeitpunkt gelegt. Damit ließen sich dann auch einige Unstimmigkeiten bei Grabsteinen erklären.

Wie in einem russischen Protokoll vom 10.04.1946 zu entnehmen ist, wurde durch eine Kommission, bestehend aus sowjetischen Militärangehörigen und Vertretern der Naunhofer Stadtverwaltung, dieses Dokument erstellt "zum Zwecke der Übergabe der Gräber der beerdigten Bürger der UdSSR und der Vereinten Nationen zum Schutze und zum Erhalten in voller Ordnung durch die Deutschen Behörden." 17 Sowjetbürger wurden namentlich und mit Angaben über Geburts- und Sterbejahr sowie einer Ortsangabe auf dem Protokoll angegeben. Darunter befand sich auch der Name jenes Ostarbeiters, der sich erhängt hatte. Leider ist im russischen Namensverzeichnis eine männliche Person zu einer weiblichen verändert worden, was noch heute auf diesem Grabstein zu lesen ist.
Im Protokoll wurden auch die 5 Engländer und 2 Franzosen erwähnt, wobei bezüglich der Engländer ausdrücklich vermerkt wurde, daß auf diesen Gräbern "keine Aufschriften waren". Was die Franzosen betrifft, so war auf einem Foto-Negativ am oberen Teil des Grabsteines auch die Trikolore zu erkennen. Die Gräber der Engländer und Franzosen wurden exhumiert. 
Wegen Geld- und Materialmangel zogen sich die Arbeiten bei der Fertigstellung der neuen Gräberanlage bis 1949 hin. Abermals wurden die Gräber von einer gemeinsamen Kommission besichtigt "zum Zwecke der Übergabe derselben an die Deutsche Selbstverwaltung zur unmittelbaren Kontrolle und zur weiteren Pflege und Instandhaltung". Aber noch immer gab es gravierende Mängel, worüber man sich im Protokoll so äußert: "Aber in Anbetracht dessen, daß die Grabsteine nicht in voller Anzahl errichtet worden sind und nicht den allgemeinen Regeln entsprechen, die für sowjetische Soldaten, die während des Krieges umgekommen sind, festgesetzt sind, wird der Bürgermeister der Stadt Naunhof, Herr Paul Funke, auf Grund der Anordnung des Militärkommandanten der Stadt Grimma, des Obersten, Genossen Noreiko, verpflichtet, alle Gräber mit Steinplatten einzufassen, drei Gedenksteine mit eingravierten Inschriften zu setzen und das gemeinsame Denkmal genau in der Mitte auf einen Sockel von 1/2 Meter zu setzen.

Alle Unkosten für die endgültige Instandsetzung des Friedhofes gehen zu Lasten der Deutschen Selbstverwaltung. Der Termin der Fertigstellung ist der 15. Mai 1949."
Und die Gesamtsumme der "Unkosten" belief sich dann auf 1.724,14 DM, die aber erst nach jahrelangem Hin und Her, von der Kommandantur in Grimma der Stadt Naunhof zurückgezahlt wurde.

Ähnlichen "Unkosten-Ärger" verursachten die Ausgrabungsarbeiten der 5 Engländer, die auf Anweisung der Polizei Grimma vom 23. Sept. 1947 "sofort auszugraben seien". Diese Anweisung erfolgte auf Befehl der SMA. Die 5 Särge wurden von einem Lastwagen abgeholt. Der Sarglieferant musste nach langen Streitigkeiten erst das Gericht bemühen, um das Geld für die Särge zu bekommen. Naunhof musste zahlen ...

Was den "Sowjetischen Friedhof" zu DDR-Zeiten angeht, so ist dazu zu sagen, dass es allgemein üblich war, an drei Gedenktagen im Jahr (23.02., 08./09.05. und 07.11.) durch Kranzniederlegungen dieser Toten zu gedenken, was aber von den jeweiligen Bürgermeistern unterschiedlich gehandhabt wurde. Hierbei ist durchaus die Meinung zu vertreten, dass das "Gedenken" wohl mehr den Grabhügeln als den darin begrabenen Toten gegolten hat, weil hinsichtlich dieser Toten keinerlei Nachforschungen geführt wurden. Und ebenso ist festzustellen, dass es in 40 Jahren DDR staatlicherseits weder Erneuerungs- noch Ausbesserungsarbeiten am "Sowjetischen Friedhof" gegeben hat. Nur einmal wurden Ausbesserungsarbeiten an der Gräberanlage von Schülern der oberen Klassen der POS in freiwilliger, "gesellschaftlich-nützlicher Arbeit" durchgeführt; das war 1967. In diesem Jahr wurde auch mit Nachforschungen zur Entstehung der Gräberanlage und dem Schicksal der dort begrabenen russischen Kriegsgefangenen begonnen. Die Pflege dieser Gräber haben Mitglieder des Interklubs übernommen, die aber bald darauf von Schülern der POS in ihre "Objekt-Pflege" einbezogen wurde. Diese "Gräberpflege" gehörte fast 15 Jahre lang zur Schultradition. Seit der Wende werden diese Gräber von einem ehemaligen Russischlehrer und seiner Frau weitergepflegt. Fotos von der ganzjährig gepflegt aussehenden Gräberanlage sind im Panorama-Museum "STALINGRADER SCHLACHT" in Wolgograd und im Museum "GESCHICHTE DES GROSSEN VATERLÄNDISCHEN KRIEGES" in Minsk zu sehen. Von dort sind Worte der Anerkennung und Dankbarkeit, weil der toten russischen Kriegsgefangenen gedacht wird, nach Naunhof übermittelt worden. 

Soviel zur Entstehung des einstmaligen "Sowjetischen Friedhofs", der heute wieder von vielen Einwohnern ganz einfach als die "Russengräber" bezeichnet wird. 
Was die nachfolgenden Angaben zum Schicksal der auf dem Alten Friedhof begrabenen russischen Kriegsgefangenen betrifft, so sind sie zum einen belegbar und zum anderen beruhen sie auf begründeten Schlussfolgerungen.

Die Gräberanlage, bestehend aus 15 Gräbern, (vordere Reihe 9, hintere Reihe 6 Gräber) wird mit 19 Toten beziffert: 10 Tote im Alter bis 24 Jahre, 3 Tote mit 28 Jahren und die restlichen 4 Toten im von 29, 34, 35 und 41 Jahren. Als Todesursachen werden angegeben: 6 x Lungenentzündung, 4 x Körperschwäche/Entkräftung, 2 x Wassersucht, 2 x Vergiftung, 1 x feuchter Brand, 1 x Selbstmord. Tote insgesamt = 16. Von den 3 Toten "von auswärts" ist die Todesursache nicht bekannt gewesen. Hinzugerechnet werden muss außerdem das Einzelgrab (außerhalb der Gräberanlage) der etwa 17 Jahre alten Ostarbeiterin, die an einem Asthmaleiden verstorben ist. Amtlich registriert wurde noch eine weitere männliche Person, die am 24.04.45 von amerikanischen Soldaten an der Bahnlinie nach Leipzig tot aufgefunden und nach Naunhof gebracht wurde . Als "unbekannte Person" wurde die Leiche auf dem Alten Friedhof begraben. Die vermerkte Nummer auf der Erkennungsmarke des Toten beweist eindeutig, dass der Tote ein russischer Kriegsgefangener vom KGF-Lager "Waldpolenz" (Flugplatz Brandis) gewesen ist, was aber erst 1967 nachgewiesen werden konnte. Von dieser Grabstelle ist aber schon längst nichts mehr zu sehen. Und das KGF-Lager "Waldpolenz" ist in dem Zusammenhang insofern von Bedeutung, als die in Naunhof beerdigten russischen Kriegsgefangenen anscheinend Arbeitskommandos, also Außenkommandos (Steinbruch Großsteinberg) vom Brandiser Flugplatz - KGF Lager "Waldpolenz" angehörten. Mehrstellige Anfangsziffern von KGF-Erk.-Nr. Beerdigter in Naunhof und Brandis deuten darauf hin. Bemerkenswert dabei ist noch, daß das KGF-Lager "Waldpolenz" zu jenen russischen Einheiten gehörten, die gleich in den ersten Kriegstagen von den Deutschen überrannt wurden. Und das deckt sich wiederum mit Aussagen von ausfindig gemachten Angehörigen dieser Toten, die in drei Fällen bezeugten, daß diese Rotarmisten vor Kriegsausbruch in einer Garnison der Grenzstadt GRODNO (bjelorussisch-litauische Grenze) gedient haben.

Was die auf dem Alten Friedhof begrabenen russ. Kriegsgefangenen betrifft, so war 40 Jahre nach Kriegsende immer noch nicht bekannt, woher diese zuvor kranken Personen in das KGF-Krankenrevier nach Naunhof gebracht wurden. Erst als in den Jahren 1986/87 Lohnlisten von russ. KGF auftauchten, auf denen auch 11 Namen vermerkt waren, die auf dem Alten Friedhof auch auf den russ. Grabsteinen zu lesen waren, erkannte man den Zusammenhang mit jenen Arbeitskommandos. Diese "Lohnlisten" erwiesen sich als wahre Fundgrube ... Ersichtlich war daraus, dass es im KGF-Lager - innerhalb des Steinbruchgeländes soll es gewesen sein - zumindest 3 Arbeitskommandos gegeben hat. Ein Stempel trug die Beschriftung HERRMANWERK, Quarzporphyr- und Betonwarenwerk KAHNES & WAGNER, Großsteinberg. Dieses Arbeitskommando wurde unter der Bezeichnung "GJ 8" (a) geführt. Der zweite Stempel war so beschriftet: SEELINGSTÄDTER STEIN- INDUSTRIE, Kahnes & Wagner, Großsteinberg b. Leipzig (= GJ 17). Ein drittes Arbeitskommando, das unter GJ 8(b) geführt wurde, muss eine Art "Sonderkommando" gewesen sein, das dem "Güternahverkehr" unterstellt war. Die Personen- zusammensetzung und die Arbeitseinsätze von GJ 8(b) waren undurchsichtig und ließen viele offene Fragen und Vermutungen zu. Und was die "Fundgrube" betrifft, so brachte eine gründliche Auswertung sehr interessante Fakten zutage. Wenn diesen Fakten nachfolgend einige Aufmerksamkeit gewidmet wird, dann aus diesem Grund: Die "Lohnlisten" bieten die einzige Möglichkeit, sich wenigstens im Groben ein "etwaiges" Bild vom Lagerleben und den Lagerbedingungen zu machen, und zu den Lagerinsassen gehörten ja auch die auf dem Alten Friedhof begrabenen russ. Kriegsgefangenen.

Die Lohnlisten bezogen sich auf 156 russ. KGF und einen Zeitraum vom 01.10.41 - 12.10.43 = 105 Wochen und 5 Tage = 740 Tage insgesamt. Von jeder Person wurde eine Kartei erstellt, die über folgende Fakten Auskunft gibt: Aufenthaltsdauer (Zugang - Abgang); wieviel  Arbeitstage, erarbeiteter Arbeitslohn und wieviel davon jedem KGF ausgezahlt wurde; wieviel Krankentage und ob dabei "krank im Lager" gewesen, oder Aufenthalt im "KGF-Kr.-Rev. Naunhof" (Kriegsgefangenen-Krankenrevier); Krankentage insgesamt. Auch die "Unkosten", die vom Arbeitgeber jedem KGF für Unterkunft, Verpflegung und Bekleidung in Rechnung gestellt wurden, konnten herausgefiltert werden. Ersichtlich waren aus den Lohnlisten auch Todesfälle und Fluchtversuche.
Der "Verschleiß" an Arbeitskräften war sehr hoch gewesen, was aber in der geringen Anzahl mit "verstorbenen" Registrierten nicht zum Ausdruck kam, weil schon zuvor Kranke aus dem Arb-Kdo abgeschoben und das Arb-Kdo durch Neuzugänge wieder entsprechend "aufgefüllt" wurde. Und so ganz nebenbei waren in der Endauswertung auch noch jene KGF mit dem geringsten und höchsten "Lohnverdienst", dem geringsten und höchsten Krankenstand, der kürzesten und längsten Aufenthaltsdauer u.a.m. zu erkennen gewesen. Und in diesem Zusammenhang sind auch nähere Fakten über die 3 Toten "von auswärts" bekannt geworden, von denen man in Naunhof nicht einmal wußte, ob es sich hierbei um Kriegsgefangene oder Ostarbeiter handelte. Bekannt waren lediglich die Namen und das Sterbejahr. Die genauen Geburts- und Sterbedaten, und daß die Toten KGF waren, war erst vom Pfarramt in Pomßen zu erfahren gewesen. Und was den einen der 3 Toten betrifft, so muß er eines plötzlichen Todes gestorben sein, denn einen Tag vor seinem Tod wurde er noch auf der Lohnliste geführt. Detaillierte Auskünfte zum KGF-Lager im Steinbruch könnte der Großsteinberger Ortschronist, Herr Mengel, geben.

Zu erwähnen wäre noch, dass von den auf dem Alten Friedhof begrabenen russischen Kriegsgefangenen in 2 Fällen Angehörige gefunden wurden; 1983 in einem Dorf der Grusinischen Republik, wo die Nachricht vom Tode und das Foto vom Grab ihres vermissten Sohnes die Mutter, im Alter von 83 Jahren, erreichten. Es lebte auch noch der ältere Bruder des Toten, der Student gewesen war und Lehrer werden wollte. Der ältere Bruder kam als Kriegsinvalide heim. Auch der jüngste Bruder ist bei einem deutschen Fliegerangriff auf einen russischen Truppentransport, der unterwegs zur Front war, umgekommen. So oder ähnlich war das Schicksal vieler Sowjetbürger, denn es gab kaum eine Familie, die nicht wenigstens einen Gefallenen oder Vermissten zu beklagen hatte. 

Gefunden wurden die Angehörigen von Helfern in der SU, die von dort aus bessere Möglichkeiten hatten, Suchaktionen zu unterstützen. In diesem Falle war es eine russische Lehrerin aus Orenburg/Ural, die als Schülerin der Garnisionsschule "Flugplatz Brandis/Polenz" bei einer gemeinsamen Kranzniederlegung an diesen Gräbern auf dem Alten Friedhof anwesend war. Auf einem alten Foto war die Inschrift auf einem Grabstein noch deutlich zu erkennen - und sie fand den angegebenen Ort, obwohl Familienname und Ortsangabe fehlerhaft waren. Die Lehrerin aus Orenburg wandte sich an die örtliche Schule, und von dort wurden die Angehörigen benachrichtigt, was aber am Ort für einige Verwirrung sorgte, weil sich noch ein zweiter "Angehöriger" meldete. Auch sein Sohn - mit gleichem Vor- u. Nachnamen und Geburtsjahr - wurde zur gleichen Kriegszeit als "vermisst" gemeldet. Viele Fotos vom Grab sowie das Geburtsdatum des Toten wurden an die Schule geschickt; eine Antwort ist darauf aber nicht gekommen.

1987 wurden von zwei weiteren Helfern in der SU, fast gleichzeitig, Frau und Tochter eines hier begrabenen russ. Kriegsgefangenen gefunden, die noch heute am selben Ort in der Ukraine leben, wie auf dem Grabstein angegeben ist. Die Tochter war 4 Jahre alt, als ihr Vater in den Krieg zog, aus dem er nicht mehr zurückkehrte. In einem Brief beschreibt sie ihre Kindheit. Nun war sie selber verheiratet, wandte sich an den Chef der Garnision Brandis, ihr doch dabei behilflich zu sein, das Grab ihres Vaters in Naunhof besuchen zu können. Erst ihr Sohn konnte nach fast 50 Jahren das Grab seines Großvaters als erstes Familienmitglied besuchen. Das war im November 1991 und der damals mitgebrachte Kranz liegt noch heute 1997 - inzwischen aber schon mehrmals ausgebessert und erneuert - auf diesem Grab. Und er soll auch weiterhin liegen bleiben, um an die Besuche von 1991 und 1992 zu erinnern.

   



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